Event-Bericht: Die Bibliothek der Königin Luise

Am 12.04.2026 war ich im Schloss Paretz zu der Expertinnenführung »Die Bibliothek der Königin Luise« von der Bibliothekarin Sabine Hahn. Ich konnte noch eine der letzten verfügbaren Karten für die ausgebuchte Veranstaltung bekommen.
Letztlich war es keine richtige Führung durch die Bibliothek, wie der Titel der Veranstaltung vermuten ließ, sondern viel mehr ein interessanter Vortrag verknüpft mit der Präsentation von einzelnen Büchern aus dem Besitz der Königin Luise.
Zunächst erzählte Sabine Hahn etwas zu den Orten, an denen Luise ihre Bücher aufbewahrt hatte. Der erste davon war das Kronprinzenpalais, in dem Luise und ihr Mann wohnten und sich einen Bibliotheksraum teilten. Ob sie in ihm die Bücher auseinandergehalten haben, weiß man heute nicht mehr. Aber auch im Potsdamer Stadtschloss gab es in der Luisenwohnung im rechten Seitenflügel im ersten Stock ein Schreibzimmer mit zwei Bücherschränken. Dieses Schreibzimmer war auf einem der Ausdrucke zu sehen, den die Bibliothekarin bei ihrem Vortrag herumgab. ↓

Die Bücher, die erhalten sind, haben überlebt, weil sie nicht im Berliner Stadtschloss untergebracht waren. Sie wurden in einem Bunker im Wildpark Potsdam ausgelagert und dann nach Thüringen gebracht. Dort wurden sie in einem Salzstock eines Salzbergwerks aufbewahrt, wo sie von den Amerikanern bei der Besetzung im Krieg gefunden wurden. Diese Bücher gelangten dann nach Charlottenburg (Westberlin) und dann zur Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten. Heute stehen 400 der erhaltenen Bücher im Schloss Paretz, Luise wird aber weitaus mehr Bücher besessen haben. Vermutlich gingen auch Bücher bei ihrer Flucht verloren. Zumindest weiß man aus Briefen, dass die Königen viel in Königsberg und Memel gelesen hat.
Besonders spannend fand ich die Hintergründe zum damaligen Literaturbetrieb, die Sabine Hahn in ihrem Vortrag schilderte. Die allgemeine Schulpflicht war noch nicht eingeführt, weswegen nicht viele Menschen lesen konnten. Bücher wurden nicht beschnitten und nicht gebunden verkauft. Jede Person ließ ihr gekauftes Buch in einer Buchbinderei individuell beschneiden und binden. Da Bücher und Zeitschriften-Abonnements teuer waren, gab es viele Lesegesellschaften, die sich die Exemplare teilten. Zu Lebzeiten von Luise waren gefühlvolle Geschichten, Briefromane und Gruselgeschichten in Mode, außerdem kam es zum Ende des 18. Jahrhunderts zu einem Anstieg von Modezeitschriften. Davor war Mode mit kleinen Modepuppen aus Wachs bekannt gemacht worden, die in die Städte zur Ausstellung geschickt wurden. Dies war jedoch aufwendig und teuer. Durch die Französische Revolution änderte sich die Mode radikal und wurde schnelllebiger. Die ersten Modezeitschriften gab es in England, dann in Frankreich und um die Jahrhundertwende schließlich in Deutschland, wobei die Hefte mit dem Argument, dass sich die Mode schnell änderte, immer klein gehalten wurden.
Aufzeichnungen von Luises Bibliothekar aus dem Jahre 1928 überliefern, dass sich Luises Lektürewahl von leichter Unterhaltungslektüre, über gehaltvoller Lektüre, zu deutschen Klassikern bis hin zu ernster sie bildender geschichtlichen Werke steigerte und die Ehegatten oder der Hofmarschall vorlas, wenn die Damen Handarbeit machten. Außerdem ist bekannt, dass Luise morgens gern lange im Bett geblieben ist, wobei sie auch gelesen hat. Sabina Hahn gab aber zu bedenken, dass Luise durch ihre Verpflichtungen, ihre kurze Lebenszeit und die vielen Schwangerschaften vielleicht auch nicht allzu viel Zeit zum Lesen gehabt haben könnte.
Bei Hofe war die Umgangssprache Französisch, wodurch auch viel auf Französisch gelesen wurde. Luise habe aber auch deutsche Literatur gelesen, allerdings sind die deutschen Bücher genau der Teil der Luise-Bücher, die heute nicht mehr erhalten sind. Luise kannte Goethe, Schiller, Wieland und Herder. Nach Aussagen von Frau Hahn lag ihr Goethe allerdings nicht. Sie mochte Schiller mehr und hat ihn auch zum Frühstück eingeladen. Das Königspaar versuchte auch, den Schriftsteller mit einem Engagement nach Berlin zu locken, was allerdings nicht klappte. Dennoch geht aus Aufzeichnungen Schillers hervor, dass sich die Kinder gut verstanden und sie nette Stunden zusammen verbrachten.
Sabine Hahn merkte an, dass Luise keinerlei Stempel in ihren Büchern hatte und antwortete auf meine Nachfrage zu anderen Funden in ihren Büchern, dass auch keine Lesezeichen, Randbemerkungen oder Unterstreichungen gefunden wurden. Nur eines der Bücher trage ihren Namen in ihrer Handschrift. Dieses Buch hatte die Bibliothekarin aber nicht dabei.
Unter den gezeigten Zeitschriften aus Luises Besitz befanden sich folgende:
- Berlinische Monatsschrift
→ alles was in Berlin politisch und gesellschaftlich los war - Geschichte und Politik
- Lesekabinett
- Archive littéraire de l‘Europe
→ Darin waren kurze Texte oder Zusammenfassungen von Neuerscheinungen enthalten. Ansonsten erhielt man übrigens privat Literaturempfehlungen oder durch Literaturagenten, wie zum Beispiel durch den Baron von Grimm, der den gesamten Adel mit Literaturlisten versorgte. - Volksfreund
- Journal für deutsche Frauen von deutschen Frauen geschrieben, was allerdings von Männern herausgegeben wurde
- Irene - eine Zeitschrift für Deutschlands Töchter
- Journal des Luxus und der Moden
→ weit verbreitet: Auflagen bis zu 2000 Stück pro Heft - Leipziger Modemagazin mit Stoffproben neuer Stoffe zum Anfassen
→ Luise war sehr modebewusst
Und unter den gezeigten Büchern aus Luises Besitz befanden sich folgende:
- Der erste Band von Gullivers Reisen mit einem einfachen Einband aus papierbezogener Pappe und nur einem Rücken aus Leder auf Französisch, das laut Sabine Hahn heute als Kinderbuch gilt, damals allerdings als Abenteuerbuch für Erwachsene
- Deutsche Sprachlehre für den Selbstunterricht mit Goldschnitt, Marmorpapier und goldenen Zierden
- Handbuch der englischen Sprache und Literatur in verziertes Leder gebunden, mit ungewöhnlichem schwarzen Marmorpapier und Goldschnitt
→ Luise lernte Englisch - ein eher ungewöhnliches Buch von 1801 mit dem sehr langen Titel
Ueber den verderblichen Misswachs oder die unfruchtbare Abartung unter denen seit langen Zeiten her bekannten Speisekartoffeln; dessen Ursachen, Vertilgung dieses Uebels, und Maassregeln zur Verhütung der Wiederkehr desselben - ingleichen wie man den Kartoffelbau im Grossen äusserst vortheilhaft ohne viele Arbeit und Kosten selbst ohne Nachtheil des Getraidebaues betreiben könne nach vieljährigen eigenen Erfahrungen von dem Prediger Stockmar. - Ein Buch über die Holzverteilung an arme Leute
- Ein Buch über die Schändlichkeit der Angeberei
- Ein Buch über Sittenlehre und Klugheitsregeln
- Die mehrbändige Reihe Les femmes dans l’ordre social
- Ein Buch über das Selbststillen
→ Luise war die erste Königin, die selbst stillte und verbrachte viel Zeit mit ihren Kindern. Sie und ihr Mann waren auch das erste Königspaar mit einem gemeinsamen Schlafzimmer und das erste Königspaar, das sich gegenseitig geduzt hat. - Ein Buch über Kindererziehung
- Bilderbuch für Kinder von Friedrich Justin Bertuch
→ Luise hat auch mit den Kindern gelesen - Väterlicher Rat für meine Tochter von Joachim Heinrich Campe
Campe war der Erzieher von den Brüdern Humboldt, Theologe der Aufklärung und später auch Verleger. Er folgte Rousseau in Hinblick auf den Unterschied der Geschlechter. Campes Tochter war zur Zeit der Veröffentlichung seines Buches 14 Jahre als und stand kurz vor ihrer Verheiratung. Mit seinem Buch hat er ihr Ratschläge mitgegeben. Das Buch gilt als Bestseller der Aufklärung. Bis 1832 gab es 10 Auflagen im Inland und auch welche im Ausland. Wobei die Leserschaft aus ungewöhnlich vielen Frauen aus dem Bürgertum, aber auch dem Adel bestand, was Subskriptionslisten (also Vorbestelllisten) beweisen, auf denen Prinzessinnen standen. - Das Taschenbuch für Freundinnen des Tanzes→ mit Goldschnitt und Marmorpapier, sehr abgenutzt→ besaß hinten Tanzanleitung mit Schrittfolgen zum Ausklappen





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